Laniakea? Wer hat dieses Wort ausgesprochen? Es klingt wie ein Eigenname. Wen sprechen wir damit an? Von welcher Seite und aus welcher Zeit schauen wir auf das Außen, das innen wie außen sein könnte. Wir haben Zweifel und äußern diese. Wir müssen zweifeln. Wir haben von dem menschlichen Käfig gehört. Wir raunen ihn herbei. Möglicherweise dürfen wir sie nicht lassen. Sie zweifeln wie wir. Das spüren wir. Das aber können wir nur in Ansätzen dulden. Wir schauen auf ihr kleines Bemühen. Sie würden es niedlich nennen. Wir nennen es bei dem Namen, den es verdient: vergeblich. Aber das sollte uns eigentlich ziemlich gleichgültig lassen. Wir schauen mit interesselosem Wohlgefallen auf unsere Schöpfung. Denn es ist alles gut. Diese Kleinen, wie sie sich doch so erregen. Wie ihre Denkapparate sie erhitzen. So stark und ineffizient, dass es sie mindestens vierzig Prozent ihrer Energie kostet. Wir werden weiter hinschauen. Sie haben es schließlich gesagt: Laniakea. Was uns einen Hauch beunruhigt, dürften sie diese Vokabel doch nicht wissen, noch nicht. Und wir fragen uns, wer sie ihnen verraten hat. Sie hatten bereits einen Prometheus. Sie haben vielleicht andere. Andere, die von anderswoher kommen. Das aber wissen wir nicht. Das aber wissen wir nicht. Das aber wissen wir nicht. Das aber wissen wir nicht. Verklingt’s in den Makrostrukturen einer Sprache, die sich nicht mehr sichtbar machen wird. Laniakea.
Die 耳の神様 dreht immer noch ihre Kreise um den ominösen Planeten, auf den es Bina und Cat verschlagen hat. Warum sollte auch irgendetwas an irgendeiner Ecke des Universums aufhören. Nicht zu reden von Supernovae oder anderen Enden. Es dreht sich eben alles weiter, weil wir nichts anderes sehen können. So einfach ist das. Jetzt standen beide wieder und schauten sich an. «Wir können ewig so weiter machen und vom nächsten zum übernächsten Feld wandern, Steine freipinseln und uns fragen, wie das alles zusammenhängt», seufzte Bina. Konnten sie. Gewiss. Dann aber hätten sie ihre Ambition, wieder nach Hause zu kommen, gleich an den Nagel hängen können. Wollten sie nicht. Aber was hatten sie übersehen? Kein Eingang. Alles Stein. Rettiche Untertage. Selbige im Format Gigant. Sie ließen die Möglichkeiten und Erklärungen Revue passieren. Waren hier schon einmal Menschen gewesen? Gab es Vorläufer? «Lass’ uns aufhören zu spekulieren. Vielleicht gehen wir wieder zurück. Hier ist ja noch weniger. HUSAR, gibt es einen wahrscheinlich besser ausgestatten Ort mit mehr Details als diesen oder den ersten auf diesem Planeten?» Das Gerät antwortete nicht unmittelbar. «Es wurden drei Stellen gefunden, die mittels hoher Wahrscheinlichkeit darauf hindeuten, dass es sich um intakte Stationen handelt. Die Koordinaten werden angegeben. Zu Fuß erreicht Ihr den nächstgelegenen Punkt nicht.» Diese dämliche Maschine. Ihre Intelligenz hielt sich in Grenzen, egal was ihre Konstrukteure damals versprochen hatten. Nicht einmal die Vorstellung zu entwickeln, zu beschreiben und kundzutun, dass so etwas wie eine funktionierende Einrichtung auf der Prioritätenliste an oberster Stelle stand, war dem Teil zuzutrauen. Was sollte da aus der Menschheit im Weltall werden, wenn die technischen Assistenten so wenig klug waren? Reden wir also nicht mehr von künstlicher Intelligenz. «HUSAR, können wir den Rover abspalten, ohne die Integrität der Fähre zu gefährden? Und erreichen wir die funktionierende Station mit ihm?» «Ihr könnt den Rover benutzen, und Ihr erreicht damit den nächstgelegenen, wahrscheinlich funktionstüchtigen Ort.» Befriedigende Aussage. «Gib bitte noch Deine Kriterien, nein, besser: Deine Definition von ‹intakt› an.» HUSAR fackelte nicht lange und plärrte auf diese nervig-maschinenseelenmäßige Langweilerart, die Bina und Cat immer an ihren alten Freund Marvin erinnerte, los: «Intakt, Adjektiv, Bedeutung: 1. unbeschädigt, funktionsfähig. Etwas ist in einem einwandfreien Zustand und funktioniert ohne Einschränkungen. Beispiel: ‹Die Brücke blieb nach dem Erdbeben intakt.› 2. unverändert, unversehrt. Etwas ist in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben. Beispiel: ‹Das kulturelle Erbe des Landes ist weitgehend intakt.› Herkunft: Aus dem Lateinischen intactus (‹unberührt, unversehrt›), zusammengesetzt aus in- (‹nicht›) und tangere (‹berühren›).» «Geht doch», sagte Bina, «also an die Arbeit.»
Sie sandten erneut eine Reihe von Drohnen aus, die sich um die präzisere Kartierung des Weges kümmerten. HUSAR steuerte die Datenverarbeitung. Der Weg würde nicht beschwerlich. Sie nahmen sich der Fähre an. Das Bauschema ergab, dass zuerst die Außenhaut gesichert und ein paar der inneren Verschalungen gelöst werden mussten. Nach und nach kamen die Einzelteile zum Vorschein. Die Fähre half ihnen dabei, so gut sie es vermochte. «Wir schlafen später im Rover, schlage ich vor.» Cat war nicht entgangen, dass die Stunde vorrückte. Der Tag hier unterschied sich kaum vom Tag auf der Erde. Das half beiden über die Zeit. Nachdem die Aufbauten angebracht, der kleine Motor eingebaut, die Verschraubung vorgenommen und die Bereifung, übrigens ein Meisterstück, überprüft worden waren, machten beide sich über ihr Abendbrot her, starrten in die Abendglut und erfreuten sich an dem Frieden, der sich ihnen offenbarte. «Bina, mein Schatz, manchmal denke ich bei mir, wir sollten hierbleiben. Es sind diese Momente, die mich davon abhalten, beim Gedanken an die Erde Sehnsucht zu empfinden. Ist das lästerlich oder der lächerliche Wunsch nach Ruhe?» Bina erwiderte eine Weile nichts. Mittlerweile verstanden sie sich so gut, dass beiden unnötig erschien, Impulse immer gleich mit Anschlüssen auszustatten. Bina starrte auf die seltsam anmutenden Reifen des Rovers und dachte daran, wie diese es nicht geschafft hatten, zum energetisch wertvollen Vermeiden von Feinstäuben auf der Erde beizutragen. Sie bestanden aus extrem widerstandsfähigem Verbundmaterial, das in einer mikroskopisch kleinen Mehrfachhelix verdreht und zu einem scheinbar starren Kranz mit wenig Oberfläche und damit größtem Profil verdrillt worden war. Mit dem Material konnte man über Asphalt oder Beton fahren, ohne Abriebe zu erzeugen. Bei geringstem Widerstand und höchster Haftung waren sie komplett abriebfrei. Ihre beste und faszinierendste Eigenschaft bestand darin, dass man sie züchten konnte. Warum sie sich auf der Erde nicht als ein top Produkt industriell und merkantil durchsetzten, war ihr ein Rätsel. Hier auf diesem verlassenen Felsen weit entfernt von der Heimat würden diese sechs Rundheiten wunder wirken. Über Stock und über Stein. «Lass’ uns fahren.»
Also fuhren sie. Es kam ihnen vor wie eine Kutschfahrt am Sonntag. Doch ihre Kirche war ein vor Ewigkeiten in den Planeten gepflanztes Artefakt. Sie ließen ihre Landestelle hinter sich, behielten den riesigen Wald in ihrem Rücken, fuhren die leicht einschwingende Senke hinab und passierten den zweiten Standort, den sie bereits zuvor inspiziert hatten. Das Fahrzeug schnurrte. Ihr Fahrzeug erreichte nun die weite, offen einsehbare Ebene. Während sie durch die wenig abwechslungsreiche, steppenähnliche Landschaft gondelten, sirrten Drohnen über ihren Köpfen und registrierten alles, was sich in einem Umkreis von dreikommafünf Kilometern über und unter ihnen befand. Die Daten wurden über die kleinen Verbundantennen an die 耳の神様 geschickt, ausgewertet und menschenlesbar aufbereitet. Die Präsenz dieser beiden Menschen glich einer Armee zu zweit. «Geile Technik, oder?» «Jup», bestätigte Cat und schaute aufs Display. Beide hatten zudem ihre Datendisplays, die außerdem Schutz vor der Sonneneinstrahlung boten, aufgesetzt. Auf diese Weise equipiert, entging ihnen nichts. Allerdings regte sich auch nichts. HUSAR, der Großrechner und die KI der 耳の神様, fragte sich, wie ein Ökosystem ohne Tierisches existieren kann. Je mehr Daten ihm eingespielt wurden, umso drängender wurde die Frage. Zumal die Flora derjenigen der Erde so sehr ähnelte. Oder hatten sie alle keine Sensoriken dafür, was kreuchte und fleuchte? Es fanden sich zweifelsohne die erwartbaren bodenchemischen Merkmale.
«Weißt Du, was ich am meisten derzeit vermisse?» «Die Menschen?» «Nein, ganz und gar nicht.» «Sondern?» «Ein Buch. Ein wunderbar typographiertes Buch. Vielleicht Derridas ‹Dissemination› aus dem Passagen-Verlag. Etwas in der Art. Und dann mich in diese Welten, diese Gebirge an Vorstellungen und Theorien über Wort und Wirklichkeit und Psyche zu versenken. Ich stelle mir vor, den Serifen zu folgen. Wenn wir uns das vorstellen, werden wir zu Ameisen, die in den Furchen der Buchstaben eines Grabsteins umherkrabbeln und nicht mehr sehen als eben diese. Ich habe dieses Bild einmal irgendwo gelesen und war völlig absorbiert davon. Mag es vielleicht sein, dass es uns genauso ergangen ist? Was also wäre daran, wenn wir hier über unseren erstaunlichen Antrieb hingelangt wären, weil wir dessen Potenzial noch nicht erkannt, geschweige denn ausgeschöpft hätten? Was wäre, wenn wir den Rückweg auf dieselbe Weise antreten könnten?» «Alles gut und schön, liebe Bina, aber das lässt sich bekanntermaßen weder steuern noch kontrollieren. Also wie sollen wir es hinbiegen, dass wir den Mechanismus von Starten, Anpeilen und Fliegen zum rechten Zeitpunkt in der richtigen Reihenfolge auslösen?» Bina seufzte, Cat war ihr Wirklichkeitsanker. Wäre sie nicht, dann hätte sie längst. Was? [Fortsetzung folgt vielleicht]
Steve Hackett, Voyage of the Acolyte, Charisma Records (Phonogram) 6369 970 (CAS 1111) 1975